11. Rennboote (Auszug aus der Chronik der Yachtwerft Berlin)

Im Jahre 1950, nach den ersten Wiederaufbaujahren, griff der Gedanke zur Entwicklung des Breitensports um sich.

Aus der Vergangenheit war sichtbar, dass gerade die Rennkollektive im Motorwassersport gute Leistungen vollbrachten. Der Wunsch nach Wettbewerben führte 1950 zur Ausschreibung des ersten größeren Rennens. Dabei spielte die Yachtwerft Berlin eine dominierende Rolle. Auf der Grundlage zentraler staatlicher Festlegungen wurde noch im gleichen Jahr an die Yachtwerft der Auftrag erteilt, ein Rennbootkollektiv zu bilden. Die Konstruktion und der Bau von Motorrennbooten wurden in die Hände von Spezialisten der Yachtwerft gelegt.

Vorausgegangen waren die erfolgreiche Beteiligung von Yachtwerft-Booten an internationalen Rennen sowie das große öffentliche Interesse an derartigen gut vorbereiteten und exakt durchgeführten Rennveranstaltungen.

Das Rennbootkollektiv wurde zunächst auf dem Sasse Platz, dem Gelände des jetzigen Werkes II untergebracht. Unter Leitung des Ingenieurs Ewald Laszig entstanden hervorragende Motorrennboote, die unter den Namen Patriot, Bär von Berlin, Fliegender Berliner u.a. auf den nationalen und internationalen Rennstrecken von sich reden machten.

Das neue Rennboot Patriot hat im Sommer 1953 großes Aufsehen erregt. Die erste Überraschung lieferte dieses Rennboot im Juli bei einer internationalen Motorbootrennveranstaltung auf den Starnberger See in Bayern. Patriot erwies sich allen Konkurrenten, darunter auch dem westdeutschen Boot Berlin III, einem Wiesbadener Neubau, weitaus überlegen und damit als das zurzeit schnellste Rennboot dieser Klasse in Deutschland.

Die Leitung für den Bau des Patriot lag in den bewährten Händen des erfahrenen Yacht-Konstrukteurs Helmut Fugmann.

Der Patriot ist mit einem umgebauten Flugzeugmotor, einem Hirth- Motor von 4000 ccm Zylinderinhalt ausgerüstet. Die Verwendung sowie der Umbau des Flugzeugmotors wurden auf Vorschlag des Ingenieurs Arthur Spieß vorgenommen, während die Arbeiten am Getriebe von Diplomingenieur Engelbrecht ausgeführt wurden.

Aufgrund des Forschungsauftrages, den die Yachtwerft in Berlin- Köpenick erhalten hat, wird noch in diesem Jahr ein weiteres Boot der 500kg Klasse fertig gestellt. Dabei handelt es sich um ein Dreipunktboot.

Die ersten Weltrekordversuche wurden unter Aufsicht des Allgemeinen Deutschen Motorsportverbandes ADMV der ehem. DDR auf dem Scharmützelsee in Bad Saarow durchgeführt. Bei diesem Versuch wurden sogleich zwei Weltbestleistungen aufgestellt.

Bis zum Herbst wurden insgesamt 21 Weltbestleistungen erzielt und von der UIM (Union Internationale Motornautique) anerkannt. In der Weltrangliste war die ehemalige DDR auf Platz 3. vorgerückt und in den internationalen Verband aufgenommen. Der damalige Werftdirektor Wolf Herrmann wurde in seiner Eigenschaft als Vizepräsident des ADMV zu den Beratungen des internationalen Gremiums eingeladen.Unter Belegschaftsangehörigen kristallisierten sich viele mutige Kollegen heraus, die sich als Rennfahrer qualifizierten.

Faire Sportsleute mit internationaler Anerkennung waren u. a. die Kollegen:

" Hans-Heinz Probst
" Hans Rietz
" Walter Marquardt
" Erwin Raschke
" Werner Rex
" Helmut Fugmann
" Günter Seidel

Unvergessen bleibt allen Mitarbeitern der stellvertretende Produktionsdirektor Hans-Heinz Probst, der als einer der erfolgreichsten Rennbootfahrer am 18.11.1956 auf dem Scharmützelsee bei einem Versuch, mit dem Boot RBK 1 den am gleichen Tag von Werner Rex erreichten Weltrekord von 117 km/h über eine Seemeile zu überbieten, bei einer Geschwindigkeit von über 125 km/h tödlich verunglückte. Ihm zu Ehren wurde ein Hans-Werner Probst Gedächtnispokal gestiftet.

Die vorwiegend vom Rennbootkollektiv entwickelten Boote gehörten der Klasse 350 kg an. Darunter befanden sich Boote bzw. Rennbootskörper der Typen J, A, B, C und Outbordrennboote der Klassen JU, AU, BU und CU.

In der 450 kg Klasse wurden unter anderem die Boote Gui de Boisson, Friedenskämpfer und Patriot gebaut. Ein kleineres Outbordrennboot der Klasse J mit Namen RBK 175 Z wurde mit einem vom Rennbootkollektiv entwickelten 175 ccm Zweitaktdrehscheibenmotor mit Wasserkühlung gebaut.

In der 250kg Klasse erreichte im November 1955 Hans-Heinz Probst über eine Statusmeile (1.609,3m) mit dem RBKT einen neuen Weltrekord in dieser Klasse mit einer Geschwindigkeit von 112,25 km/h.

Über 24 Seemeilen stellte Walter Marquardt mit dem 500kg Boot eine neue Weltbestleistung von 122,09 km/h auf. Mit dem gleichen Boot errang er bei einem Dauerrennen von 9 Stunden eine Durchschnittsleistung von 110,1 km/h, was wiederum eine Weltbestleistung darstellte.

Im Jahre 1858 wurde das bis dahin international so überaus renommierte Rennbootkollektiv der Yachtwerft Berlin aufgelöst. Die dadurch frei gewordenen Entwicklungs-, Konstruktions- und Fertigungskapazität wurden zu Gunsten neuer Aufgaben in der "Speziellen Produktion" (militärischer Schiffbau) eingesetzt.